Citizen Science und Altersforschung

Das Alter als Lebensabschnitt dauert immer länger und immer mehr Menschen erleben ihn. Die demografische Alterung erfordert von Gesellschaft und Individuum, neue Möglichkeiten zu gestalten, um im Alter eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Dabei geht es nicht nur um Gesundheit, sondern ebenso um Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Einbindung. Es gilt, so unterschiedliche Bereiche wie Raumplanung, Wohnen, Medizin, Digitalisierung oder Bildung zu bedenken. Zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich also in der Altersforschung mit diesen Dynamiken, untersuchen die Wirkung der demografischen Alterung auf Gesellschaft und Individuum und suchen nach Wegen, um die Lebensqualität im Alter zu verbessern. Dabei spielt Citizen Science eine wichtige Rolle.

Der Mehrwert von Citizen Science in der Altersforschung

Der Einbezug älterer Menschen in der Altersforschung ist zentral, «um Lösungen zu finden, die sowohl finanziell tragbar als auch für die Betroffenen akzeptabel sind», so Delphine Roulet Schwab, Präsidentin von GERONTOLOGIE CH, dem Netzwerk für Lebensqualität im Alter. Denn «letztendlich sind sie die wahren Expert:innen für das Älterwerden.» Das betont auch Romaine Farquet von der Plattform Ageing Society: «Wenn Menschen ihre Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven einbringen, entsteht ein Wissen, das durch kein Expertengremium ersetzbar ist». Die Forschung und Forschende erfahren dank Citizen Science nicht nur viel über Lebensrealitäten im Alter, sondern auch über gemeinsame Lernprozesse und Praxisrelevanz. Konkret lassen sich mit partizipativen Ansätzen «Daten und persönliche Geschichten aus dem Alltag gewinnen, die klassische wissenschaftliche Studien oft ausblenden», unterstreicht Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich den Wert von Citizen Science in der Altersforschung.

Für Citizen Scientists ist die Teilnahme auch aus Betroffenheit interessant; und betroffen sind ja alle, die das Alter erreichen. Viele der Aktiven fühlen sich mit der Wissenschaft verbunden oder haben darin bereits Erfahrungen gemacht. Und es hat, wie Elisabeth Michel-Alder vom Projekt «ältertätig» hervorhebt, «besondere Bedeutung, wenn Personen ihre eigenen Bedingungen erforschen und reflektieren.» Indem ältere Menschen ihre eigenen Lebensbedingungen erforschen und reflektieren, stellen sie ihre soziale Teilhabe sicher und üben kritisches Denken. So werden sie als Aktive sichtbar, die zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen und Veränderungen anstossen können.

Weitere Gründe für die Partizipation sind Neugier oder der Wunsch nützlich zu sein. In der Tat fördert der partizipative Aspekt von Citizen Science in der Altersforschung das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Wichtig hierfür ist die Tatsache, dass die meisten Projekte nicht nur Inhaltliches, sondern auch neue Fertigkeiten vermitteln, wie zum Beispiel der Umgang mit dem Smartphone. Genauso wichtig ist, dass Citizen-Science-Projekte gewinnbringende soziale Möglichkeiten bieten. Sie verhelfen zu Begegnungen mit neuen Menschen aus anderen Altersgruppen und Weltregionen oder sie ermöglichen Selbstermächtigung und Gestaltung, indem man gemeinsam ein Ziel erreicht.

Swiss Platform Ageing Society

  • Die Swiss Platform Ageing Society ist ein transdisziplinärer Austauschraum, in dem Wissenschaft, Politik und Organisationen, die sich mit der Alterung der Bevölkerung befassen, gemeinsam an Lösungen arbeiten – mit dem Ziel, die Lebensqualität im Alter zu steigern. Die Möglichkeit zur Partizipation besteht bei ungefähr zwei Dritteln der Partnerorganisationen, vor allem in Projekten, seltener auf institutioneller Ebene. Partizipation wird geschätzt, stösst aber oft an strukturelle oder methodische Grenzen. Das Netzwerk und die Partnerorganisationen sprechen selbst selten von Citizen Science und öfter von Transdisziplinarität oder partizipativen Ansätzen, um Forschung und Praxis gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu gestalten.

 

So gelingt Citizen Science in der Altersforschung

Eine klare Kommunikation ist in der Altersforschung zentral für ein gutes Gelingen eines Projekts – wie immer bei Citizen-Science-Projekten. Dabei gilt es vor allem, die Rollen aller Beteiligten transparent zu kommunizieren und die Erwartungen gleich am Anfang zu klären.

Ein weiterer Punkt, der keineswegs vernachlässigt werden darf, ist die Beziehungspflege. Ein Projekt profitiert enorm von einer engagierten Community. Das funktioniert einerseits über die Sachebene. Die Teilnehmenden interessieren sich ja für die Sache, die erforscht wird. Andererseits darf der soziale Aspekt nicht vernachlässigt werden. Es braucht zielgruppengerechte Kommunikation und Aktivitäten. Für ältere Menschen ist es oft gewinnbringend, manchmal sogar zwingend, wenn offline Teilnahmemöglichkeiten geboten werden. Viele Teilnehmende schätzen den Austausch auf Augenhöhe. Sie wollen, in den Worten von Josette Pellet (SeniorLab Community-Mitglied) «sich unterhalten, plaudern, Informationen austauschen, lachen, gemeinsam ein Glas oder ein Kaffee trinken, usw. usw.».

Checklisten

 

Herangehensweise - Projektbeispiele

 Logo ältertätig

Das Projekt ältertätig – Engagiertes Arbeiten nach 70 erforscht die vielfältigen Formen von Arbeit ausserhalb des eigenen Familienrahmens und was es dazu braucht. Wie auch beim Vorgängerprojekt neues alter – älterwerden anders angepackt kam das Grobkonzept von der Projektleitung, die auch die mehrtägigen Workshops zur Vermittlung von Knowhow gestaltete. Der weitere Verlauf erfolge partizipativ – von der Prozessteuerung über die Zusammenstellung der Samples zur Diffusionsstrategie und der Konzeption eines kleineren Folgeprojektes. Kern des Projekts waren narrative Interviews, welche die Teilnehmenden im Duo selbständig führten und dokumentierten.

 Logo jedes Alter

Das Citizen-Science-Projekt «Jedes Alter zählt» vom Healthy Longevity Center der Universität Zürich (HLC) wurde mit dem Swiss Diversity Award 2025 in der Kategorie «Age» ausgezeichnet und macht auf Altersdiskriminierung aufmerksam. Altersdiskriminierung bedeutet, dass Menschen wegen ihres Alters benachteiligt oder anders behandelt werden. Ältere Personen, die solche Erfahrungen gemacht haben, können dies als Citizen Scientists auf einer Online-Plattform teilen.

 

 

 Logo seniorlab

Das senior-lab ist eine Plattform für interdisziplinäre Innovation und angewandte Forschung zur Lebensqualität im Alter. Das Projekt wird von der Hochschule für Gesundheit La Source, der Hochschule für Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften des Kantons Waadt (HEIG-VD) und der Hochschule für Kunst und Design Lausanne (ECAL) getragen und arbeitet mit einer offenen Community von ungefähr dreihundert Senior:innen aus der Romandie zusammen. Dabei entstehen einerseits bottom-up Projekte, die aus den Ideen und Bedürfnissen der Community entspringen. Ein Beispiel hierfür ist die online-Plattform Digital-Facil, welche unter anderem Videotutorials zu digitalen Tools (z.B. Twint) bereitstellt. Andere Projekte basieren auf Literaturbeobachtungen und Praxisbeispielen, zu denen dann die Community ihr Fachwissen einbringen. Das war beispielsweise beim Projekt zu Gewalt in Paarbeziehungen bei Senior:innen der Fall. Ältere Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, ehemalige Opfer im Seniorenalter sowie Fachleute aus den Bereichen Alter und häusliche Gewalt beteiligten sich an der partizipativen Entwicklung von Sensibilisierungsmaterial, das im Rahmen einer nationalen Kampagne in den Jahren 2023–2024 verbreitet wurde.

 Logo ZfG

Bereits im Jahr 2006 führte das ZfG mit Science et Cité den Runden Tisch Science et Cité zum Thema Demenz durch. Dabei konnten ältere Menschen ihre Perspektiven und Anliegen bereits bei der Themenfindung und Formulierung der Forschungsfragen einbringen. Danach waren sie mittels Gruppendiskussionen bei der Entwicklung der Instrumentebatterie und der Gestaltung von Interventionen im Bereich sozialer Unterstützung und Lebensqualität im Alter weiter eingebunden.

Beim Projekt SIMPA gaben pflegende Angehörige Rückmeldungen zur Entwicklung von Unterstützungsangeboten. Ebenso wurden in Projekten wie «Aufgeweckte Kunstgeschichten» oder «Musikspiegel» ältere Menschen in die Planung, Vorbereitung und Umsetzung der Intervention aktiv eingebunden. Derart werden Betroffene als Mitgestaltende und Expert:innen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit anerkannt.

 

Zukunft

Viele Teilnehmende an Citizen-Science-Projekten zur Altersforschung – sowohl hauptamtlich Forschende als auch Citizen Scientists – haben implizit oder explizit zum Ziel, Stereotype zum Alter zu korrigieren: Es dominiert in unserer Gesellschaft ein defizitäres Bild vom Altern, das geprägt ist von Rückzug und Krankheit. Solche Pauschalisierungen sind problematisch - wir altern nicht alle gleich. Wir können das Leben im Alter gestalten und viele Menschen bleiben gerne aktiv und möchten einen Beitrag an die Gesellschaft leisten. Die Korrektur solcher Narrative trägt unter anderem dazu bei, partizipative Projekte in der Altersforschung zu fördern. Dann stehen nämlich nicht mehr Fragen betreffend Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Citizen Scientists im Vordergrund, sondern die Chancen und Notwendigkeiten der Teilhabe.

Gerade von der Forschungsseite braucht es mehr Bereitschaft, die Entscheidungs- und Gestaltungsmacht zu teilen. An universitären Forschungsinstituten sind die Bedingungen für Citizen Science nicht ideal. Universitäten sind eher auf jüngere Menschen ausgerichtet und das Interesse an zivilgesellschaftlichen Initiativen hält sich in Grenzen. Zudem fehlt im hektischen Universitätsalltag ein entschleunigter Rahmen, «der ein Miteinander in unterschiedlichen ‘Sprachen’ und ‘Geschwindigkeiten’ erlaubt», wie es Sandra Oppikofer formuliert. Solche Rahmen und Räume sind sowohl für Citizen Science wie auch für die Altersforschung unabdinglich. Wo sie bereits bestehen, zeigen sie, wie fruchtbar und wirkungsvoll die Verbindung von Citizen Science und Altersforschung ist.

 

Dieses Spotlight ist entstanden in Zusammenarbeit mit Romaine Farquet von der Plattform Ageing Society.

Dieser Text ist keine wissenschaftliche Studie und erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Es dient zur Orientierung für Neulinge, als Denkanstoss für Erfahrene und als Präsentation von (Best Practice) Beispielen. Der Text basiert auf strukturierten schriftlichen Interviews mit den unten aufgelisteten Personen. Sie stimmen unter Umständen nicht jeder Aussage zu. Tizian Zumthurm hat die Synthese vorgenommen.

Vielen Dank an: Claude Bonnard (SeniorLab Community-Mitglied), Romaine Farquet (Swiss Platform Ageing Society), Elisabeth Michel-Alder (ältertätig), Sandra Oppikofer (Universität Zürich), Josette Pellet (SeniorLab-Community Mitglied), Aline Rochat (SeniorLab Community-Mitglied), Delphine Roulet-Schwab (La Source, SeniorLab) Pierre Tillmanns (SeniorLab Community-Mitglied)

 

 

 

 

 


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